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Umweltauflagen für die Oberflächentechnik

« Warum nachhaltige Prozesse notwendig werden »

Umweltauflagen sind ein Mittel, mit dem die Politik ein Gleichgewicht zwischen den Interessen der Wirtschaft und den Ansprüchen der Natur herstellen will. Als Ende der 80er vergiftete Fische in Rhein und Elbe Gerüche freisetzten und Bäume im sauren Regen ihre Nadeln verloren, wuchs die Empörung unter den Menschen. Sie sorgten für den Einzug der „grünen Rebellen“ in den Bundestag. Inzwischen sterben Fische an Sauerstoffmangel. Und Bäume verlieren ihre Nadeln wegen der Trockenheit. Damit das aufhört, sind nachhaltige Prozesse notwendig – auch in der Oberflächentechnik. Können Umweltauflagen helfen?

Regierungen in der Klemme

Die Politik scheint irgendwie hilflos zu sein. Sie ist in erster Linie den Interessen der Wirtschaft verpflichtet. Darum helfen die führenden Vertreter der großen Unternehmen den Regierungen auch bei der Ausarbeitung von Gesetzen und Verordnungen. Gleichzeitig üben die Menschen zunehmend Druck aus, die die Umwelt als Grundlage des Lebens bedroht sehen. Konkret geht es um die Reinhaltung von Luft, Boden und Wasser sowie um den Verbrauch von Rohstoffen.

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Die Mittel der Regierungen beschränken sich auf

  • Subventionen für umweltfreundliche Technologien
  • Abgaben (Zertifikate, Gebühren, Steuern) auf die Nutzung knapper Ressourcen
  • Auflagen (Verbote, Gebote)

Verstöße gegen Umweltauflagen ziehen finanzielle Strafen nach sich. Dieses Mittel greift nur, wenn sich die Umsetzung der Auflagen kontrollieren lässt und die Strafen die Kosten für die Erfüllung der Auflagen übersteigen. Bei der Festlegung der Auflagen sind die Kosten allerdings schwer vorhersehbar.

Wie kontrollierbare und wirksame Umweltauflagen festgelegt werden

Um herauszufinden, wo kontrollierbare Vorgaben wirksam sein könnten, stellen sich die einfachen Fragen:

  1. Welche Stoffe gelangen durch die Produktion von Gütern in die Umwelt?
  2. Wie wirken sich diese Stoffe aus?
  3. Wieviel von diesen Stoffen verträgt die Umwelt?
  4. Wann sind die Rohstoffquellen erschöpft?

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Welche Stoffe gelangen durch die Produktion von Gütern in die Umwelt?

Diese Frage lässt sich in der Oberflächentechnik mit Stoff- und Energiebilanzen noch relativ einfach beantworten und durch die Bestimmung des Gehaltes der Chemikalien in Abluft, Abwasser und Abfall überprüfen. Der Einsatz von umweltfreundlicher Chemie und die sorgfältige Prozesskontrolle bei der Oberflächenbeschichtung schließen die Einhaltung der Vorgaben für den Umweltschutz ein.

Wie wirken sich diese Stoffe aus?

Diese Frage erfordert, die Eigenschaften der einzelnen Stoffe zu untersuchen. Daraus ergeben sich Merkmale für gefährliche Stoffe (z.B. giftig, krebserzeugend, erbgutverändernd, umweltschädlich). Gefährliche Stoffe in der Oberflächentechnik sind zum Beispiel organische Lösungsmittel, Säuren und Laugen. Die Wirkung der Stoffe hängt auch von ihrer Konzentration und von der Form ab, in der sie in die Umwelt gelangen (z.B. Staub, Feinstaub, flüssig, fest, gasförmig).

Kompliziert wird es, wenn mehrere Stoffe in unterschiedlichen Formen zusammenwirken. Umweltauflagen und Auflagen des Arbeitsschutzes treffen hier aufeinander.

Wie viel von diesen Stoffen verträgt die Umwelt?

Diese Frage reicht von gar nichts bis zu konkreten Zielwerten. Daran knüpfen die meisten Umweltauflagen an. Sie reichen von Verboten und Beschränkungen bestimmter Stoffe bis zur Festlegung von Emissionsgrenzwerten. Die konkreten Vorschriften ergeben sich aus

  • der Chemikalienverbotsverordnung (Grundlage REACH-Verordnung der EU),
  • der Elektro- und Elektronikgeräte-Stoff-Verordnung (Grundlage RoHS-Richtlinien der EU)
  • der Biozid-Verordnung der EU
  • den zahlreichen Verordnungen des Bundes-Immissionsschutzgesetzes
  • den Verordnungen zum Wasserhaushaltsgesetz

Eine der verbotenen bzw. nur mit Ausnahmegenehmigung verwendbaren Chemikalien in der Oberflächentechnik ist beispielsweise Chromtrioxid für die Chromatierung oder galvanische Verchromung.

Hier gibt es heute schon chromatfreie Technologien für Konversionsverfahren.

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Wann sind die Rohstoffquellen erschöpft?

Diese Frage kann nur vage beantwortet werden. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz, die darauf basierenden Verordnungen und die Verteuerung von Rohstoffen und Energie durch Abgaben sollen helfen, den Zeitpunkt möglichst lange hinauszuzögern. Umweltauflagen beziehen sich in diesem Bereich vor allem auf Prozessnormen und Produktionsnormen.

Prozessnormen

Prozessnormen schreiben bestimmte Technologien vor, die dem Stand der Wissenschaft, dem Stand der Technik oder den allgemein anerkannten Regeln der Technik entsprechen müssen. Gegebenenfalls können Verfahren komplett untersagt werden. Dem Begriff „Stand der Technik“ entspricht die Redewendung „beste verfügbare Techniken (BVT)“. Dazu gibt es BVT-Merkblätter und BVT-Schlussfolgerungen. Für die Oberflächenbeschichtung sind zum Beispiel die BVT-Schlussfolgerungen für die Behandlung von Oberflächen unter Verwendung von organischen Lösungsmitteln von Interesse.

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Produktionsnormen

Produktionsnormen regeln die Menge und Beschaffenheit einschließlich Verpackung und Kennzeichnung der Rohstoffe und Produkte, zum Beispiel für Erzeugnisse der Chemie und der Mineralölwirtschaft.

Ökologische und ökonomische Wirksamkeit von Umweltauflagen

Schnelle Wirksamkeit

Die Auflagen enthalten klare Vorgaben, die sich leicht kontrollieren lassen. Die praktische Umsetzung wird durch die Definition des Standes der Technik und die Verfügbarkeit technischer Regeln unterstützt. Deshalb werden die Auflagen schnell wirksam.

Ungerechte Verteilung der Lasten

Die Emissionsgrenzwerte werden in der Regel als Konzentration der Chemikalien im Abwasser oder der Abluft vorgegeben. Ob die Umwelt geschädigt wird, hängt aber von der gesamten Menge eingetragener Stoffe ab. Eine kleine Firma, in der nur wenig Abluft und Abwasser anfallen, hat also wesentlich weniger Anteil an der Umweltverschmutzung als ein großes Unternehmen mit einem hohen Produktionsvolumen. Trotzdem müssen beide die gleichen Grenzwerte einhalten. Würden die abgegebenen Stoffmengen in Summe berücksichtigt, müssten sich die Großkonzerne stärker um nachhaltige Prozesse kümmern. Die Lasten für die Bewahrung der Umwelt wären dann gerechter verteilt.

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Bürokratischer Aufwand

Die Vorschriften werden ständig weiterentwickelt. Sollen alle Umweltauflagen eingehalten werden, muss man die Entwicklung ständig im Auge behalten. Genehmigungsverfahren für den Bau oder Umbau von Produktionsstätten sowie Nachweise über umweltfreundlich gestaltete Prozesse, verwendete Chemikalien und den Verbleib von Abfällen sind mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden. Wie viele Arbeitsstunden sind dafür bei der Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen erforderlich? Großkonzerne können leicht Arbeitskräfte bezahlen, die diese Aufgaben erledigen. In kleinen und mittleren Betrieben belastet eine zusätzliche Arbeitskraft das Budget nachhaltig.

Fehlender Anreiz für Innovationen zur Umweltentlastung

Das Interesse, in der Oberflächentechnik neue Verfahren für eine grüne Chemie zu entwickeln, wird durch Umweltauflagen gebremst. Sobald die entsprechenden Forderungen erfüllt sind, würde eine weitere Investition in nachhaltigere Prozesse nur noch Kosten verursachen und der Firma keinen Nutzen bringen. Außerdem müssten neue Verfahren die langwierigen und teuren Genehmigungsprozeduren durchlaufen.

Gründe für Unternehmen, nachhaltig und umweltfreundlich zu produzieren

Es gibt inzwischen viele Gründe für Unternehmen, ihre Produktion umweltfreundlich auszurichten.

Beispiele dafür sind:

  • Firmen übernehmen bewusst Verantwortung für die Umwelt.
  • Grüne Chemie erhöht die Akzeptanz der Firmen bei den Kunden.
  • Erprobte Umweltschutztechnik für die Abluft- und Abwasserreinigung ist verfügbar.
  • Neue Recyclingmethoden helfen Rohstoffe zurückzugewinnen.
  • Die Chemie entwickelt neue Produkte als Ersatz für Gefahrstoffe.
  • Moderne Steuerungstechnik sorgt für stabile Prozessführung.

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Umweltauflagen werden noch solange gebraucht, wie Unternehmen existieren, die auf Kosten der Allgemeinheit und der Umwelt Profit erwirtschaften wollen. Wir werden also noch eine Weile damit leben müssen.